Freie Bewegungsentwicklung

In die Bewegungsentwicklung von Kindern wird oft stark eingegriffen. Der Glaube, dass wir unserem Kind beim Sitzen oder Laufen lernen helfen müssen ist weit verbreitet. Doch wie entwickelt sich ein Kind wirklich motorisch optimal und wie können wir diese Entwicklung fördern?

Wir achten sehr auf die sensiblen Phasen der Kinder um ihnen - ganz im Sinne Maria Montessoris - eine vorbereitete Umgebung bereitstellen zu können, die sich an ihren Bedürfnissen & Interessen orientiert. Aktuell begeistert sich die Babymaus besonders daran, sich motorisch auszuprobieren. Besonders viel Wert legen wir dabei auf die freie Bewegungsentwicklung.


Was bedeutet freie Bewegungsentwicklung?

Als freie Bewegungsentwicklung wird die selbstbestimmte Aneignung motorischer Fertigkeiten bezeichnet. Dabei erlernen Kinder die Bewegungen aus sich heraus und ohne Hilfe & Manipulation von außen. 

Der Begriff geht auf die schweizer Kinderärztin Emmi Pikler zurück, die sich viele Jahre mit der selbstständigen Bewegungsentwicklung von Kindern unter drei Jahren beschäftigt hat.

Die motorische Entwicklung von Kinden ist nicht linear, es gibt also keine einheitliche Abfolge der einzelnen Entwicklungsschritte. Während manche Kinder schon stehen können, bevor sie frei sitzen, ist es bei anderen genau umgekehrt. Die Entwicklung der motorischen Fähigkeiten gibt somit auch keinen Aufschluss über den allgemeinen Entwicklungsstand des Kindes. Auch Emmi Pikler beschreibt nicht nur vielfältige Varianten, sondern auch große zeitliche Unterschiede in der Bewegungsentwicklung.



Freie Bewegungsentwicklung heißt nicht, dass Kinder alles selbstständig machen müssen. Natürlich dürfen (und sollen!) wir als Eltern unseren Kindern helfen, wenn es entweder gefährlich für sie werden könnte, oder wenn sie uns (zum Beispiel durch quengeln) signalisieren, dass sie gerade gar keine Lust haben selbstständig Bewegungen auszuführen (weil sie gerade müde oder hungrig sind oder weil sie einfach gerade gerne auf dem Arm getragen werden möchten).

Freie Bewegungsentwicklung bedeutet viel mehr, dass wir Kindern die Möglichkeit geben sich (in sicherer Umgebung und wenn sie selber wollen) frei zu bewegen. Wie bei jedem Lernprozess werden sie dabei auch viele „Fehler“ machen und eben nicht beim ersten Versuch auf den Stuhl kommen, sondern erst nach einigen Fehlversuchen. Aber genau diese „Fehlversuche“ ermöglichen Kindern ihren Körper kennen zu lernen und ihre Fähigkeiten selber einschätzen zu lernen. Gleichzeitig geben wir ihnen die Möglichkeit selber ans Ziel zu kommen und dadurch Erfolgserlebnisse zu sammeln.


Die Rolle der Erwachsenen


Warum heben wir es auf das Bett, wenn es gerade versucht selber hochzuklettern? Wieso reichen wir ihm den Ball, der ihm gerade davongerollt ist?

Wieso ich nach meiner letzten wunderschönen, geborgenen, verletzungs- und fast schmerzfreien Geburt im Geburtshaus diesmal eine Hausgeburt anstrebe, hat außer unserem Umzug aus Land (eine Stunde Fahrzeit zum Geburtshaus) und dem Bedürfnis, mich ohne Zimmernachbarin im eigenen Bett ausruhen zu können mehrere Gründe. Der wichtigste:

Das Kind wird nicht in Positionen gebracht, die es noch nicht selbst einehmen kann, aber immer gut beobachtet um ihm eine Umgebung anzubieten, in der es die nächsten Schritte eigenständig vollziehen kann. Die Betreuungsperson beobachtet und ist präsent, greift aber nicht ein.

Wie profitiert mein Kind von der freien Bewegungsentwicklung?


Oft sind Eltern versucht "Hilfe" zu leisten, wenn ihr Kind etwas nicht schafft (Drehung, Sitzen, sicheres Auf- und Absteigen, Aufstehen, Laufen etc.). Dadurch verwehren sie diesem aber nicht nur seine wichtigsten Erfolgserlebnisse & das Gefühl von Selbtwirksamkeit (oft begleitet dieses "ich kann das nicht alleine"- Gefühl ein Kind noch eine lange Zeit), sondern behindern auch die weiteren Entwicklungsschritte (Kinder die hingesetzt werden krabbeln später, Kinder die hingestellt werden, laufen meist später etc.). Abgesehen davon können Gelenke & Wirbelsäule Schaden nehmen, wenn sie für die ausgeführten Bewegungen noch nicht bereit sind.

Wir drängen nicht, wir animieren nicht. Wir haben Vertrauen in die Maus, dass sie sich ohne unser Eingreifen in ihrem Tempo entwickeln kann - blaue Flecken und Unfälle inklusive.


) Es „trainiert“ sich selbst

Indem dein Baby strampelt und die Arme bewegt, seinen Kopf hin und her bewegt, sich am Boden wälzt, sich im Kreis dreht und so weiter trainiert es seine ganze Muskulatur. Es streckt die Wirbelsäule, indem es die Beine zum Mund führt. All diese Bewegungen sind wichtig. Das Baby stärkt seinen Körper und trainiert genau die Muskulatur, die für das Krabbeln und spätere Aufrichten wichtig sind.

2) Es lernt seinen Körper kennen

Das Baby, das sich frei bewegen darf und dabei nicht eingeschränkt ist, lernt seinen Körper und dadurch sich selbst kennen. Es lernt, wie es seine Gliedmaßen, seinen Po, seine Hüfte so einsetzen kann, dass es seinem Ziel näher kommt. Dadurch erhält es ein Körperbewusstsein, das sich später als Selbstbewusstsein in seinem Verhalten widerspiegeln wird.

3) Es kann selbst wählen, welche Position es einnehmen möchte

Ein Baby, das selbstständig in eine sitzende Position gelangt, hat bereits genügend Erfahrungen gesammelt, um daraus wieder in die Bauch-oder Seitenlage zu kommen. Wenn ihm also eine Position (z.B, die Bauchlage) nicht mehr behagt, weil der Kopf zu schwer geworden ist oder das Spielzeug am Bauch nicht so gut erkundet werden kann, kann es sich in eine bequemere oder für die Situation passendere Position begeben.

4) Es kann selbstständig Spielsachen erreichen

Dein Baby lernt, sich so fortzubewegen, dass es seine Ziele erreichen kann. Es streckt sich, dreht sich, windet sich. Eine kleine Bewegung mit der Hüfte, kann es ein Stück näher zum gewünschten Objekt bringen. Oder vielleicht setzt es seine Zehen zum Schieben ein. Wie auch immer – die Experimente mit dem eigenen Körper verleihen ihm Autonomie. Wenn es selbst das begehrte Spielzeug erreichen kann, ist es unabhängiger von einem Erwachsenen. So wird ein zufriedenes Spielen möglich.

5) Es fühlt sich kompetent

Dein Baby lernt, mit schwierigen Situationen selbstständig umzugehen (z.B. das Überwinden von Hindernissen). Es setzt sich eigenständig Ziele, die es weder über-noch unterfordern. Wenn es dieses Ziel erreicht hat, wird es sich freuen und sich ein höheres Ziel setzen, anfangs noch ganz unbewusst. Diese positiven Erfahrungen entwickeln sich allmählich zu einem großen Vertrauen in sich selbst.



Kinder, die sich in ihrem eigenen Tempo, ohne beschleunigende oder motivierende Maßnahmen seitens Erwachsenen aufwachsen und sich emotional sicher fühlen, haben eine fantastische Bewegungsqualität. Warum? Der menschliche Körper hat eine ungeheure Intelligenz die Bewegungen so zu organisieren, dass mit möglichst wenig Kraft ein optimales Ergebnis erzielt wird. Das tut er durch zahlreiche Versuche. Er probiert im Rahmen seiner Möglichkeiten eine Bewegungsform, wie das sich Drehen auf die Seite und später auf den Bauch und wieder zurück, bis sie optimal ist. Zweitens probiert er unterschiedliche Bewegungsformen aus, bis er eine findet, die sich am optimalsten anfühlt und sich mit seinen Lebensbedingungen vereinbaren lässt.

Da jeder Körper komplett verschieden ist, ist das Kind die einzige Person, die beurteilen kann, was gerade möglich ist, was noch zu schwer ist und wie es eine Bewegungsform optimieren kann. Dieser Optimierungsprozess braucht seine Zeit und führt am Ende zu einer für genau diesen Körper ausgereiften Muskulatur, einem optimalen Einsatz ALLER Muskeln: Nirgendwo hat es zu viel oder zu wenig Spannung. Damit ist eine Grundlage für die lebenslange Gesundheit gesetzt.


Wie kann ich die freie Bewegungsentwicklung meines Kindes unterstützen?

Damit dein Baby all diese motorischen Fähigkeiten bis zum selbstständigen Gehen entwickeln kann, braucht es Liebe, Zeit und Raum. Die emotionalen Bedürfnisse müssen erst gestillt sein, damit es sich auf sein Spiel einlassen kann. Es ist für dein Baby immer fein, wenn du beim Spielen neben ihm sitzt und ihm zusiehst. Du kannst dich mit ihm an seinen nächsten Schritten erfreuen und es dabei genauer kennenlernen. Ist dein Baby eher vorsichtig? Wird es schnell wütend, wenn etwas nicht funktioniert, oder dreht es sich dann um und sucht sich etwas Neues?

Dein Baby braucht Zeit, um einen Meilenstein zu erreichen. Indem du deinem Baby beim Spielen und Bewegen zusiehst, kannst du jeden Tag die Minischritte entdecken, die es gelernt hat. Wenn es sich in einer Position sicher genug fühlt, wird es eine neue ausprobieren.

Du kannst deinem Baby einen geschützten Raum zum Spielen und Experimentieren zur Verfügung stellen. Damit es sich frei bewegen kann, sollte der Raum immer so vorbereitet sein, dass der nächste Schritt möglich werden kann. Dreht sich dein Baby also zur Seite, räume ihm so viel Platz ein, dass seine erste Bauchlandung auch gelingen kann.


Langfristige Folgen von Interventionen während der Geburt

Die möglichen Folgen von Interventionen aller Art für Mutter & Kind sehe ich jeden Tag bei meiner Arbeit in Therapie & Beratung von Kindern, Jugendlichen und jungen Familien. Diese Folgen werden in der Fachliteratur in verschiedene Altersklassen eingeteilt, die Geburt beeinflusst also die ganze Kindheit, nicht nur die Babyzeit (wie z.B. das klassische Schreibaby).


Die Voraussetzungen in der Klinik erschweren die Geburt - sie kann dadurch schmerzhafter sein und zu mehr Geburts-verletzungen führen. Durch den Ortswechsel, die ungewohnte Umgebung, Schichtwechsel, keine 1:1 Betreuung, weniger mögliche Geburtspositionen, den Zeitdruck und das Klinikprotokoll wird mehr Adrenalin ausgeschüttet, der Körper ist angespannter und sammelt das Blut in Armen & Beinen (Fluchtreflex), statt in der Gebärmutter. Das führt zu mehr Geburtsschmerzen und weniger Sauerstoff beim Kind, schlechteren Herztönen oder auch zu einem Geburtsstillstand. Oft folgen deshalb weitere Interventionen (PDA, Wehentropf, Kaiserschnitt), statt der Gebärenden die Entspannung zu geben, die sie für eine schmerzfreie Geburt braucht.

Es ist die Entwicklung der Beziehung zwischen Mutter und Kind, die den zentralsten und wichtigsten Prozess bei der Mutterwerdung darstellt: Bereits vor der Geburt des Kindes beginnt die werdende Mutter, eine Beziehung zu ihrem Kind aufzubauen – ein Prozess, der als maternales Bonding bezeichnet wird und sich nach der Geburt weiter fortsetzt. 
Baby trinkt an der Brust der Mutter

☆ Auch das postpartale Bonding ist in der

Klinik erschwert. Vor allem die Medikamentengabe während und die Verabreichung von synthetischem Oxytocin nach der Geburt (in der Klinik Routine und meist ungefragt sowie ohne weitere Informationen intravenös verabreicht, um die Plazentaablösung zu beschleunigen) haben zahlreichen Studien zur Folge langfristige Auswirkungen auf Mutter & Baby. Da auf diese Art die Oxytocinrezeptoren dauerhaft blockiert werden und so die natürliche Hormonausschüttung stark gehemmt ist, kann sich das empfindliche Hormon-gleichgewicht nicht selbst ausbalancieren, woraus sich oft Probleme bis weit über das Wochenbett hinaus ergeben. Dazu zählen unter anderem verstärkter Babyblues bis hin zur Wochenbettdepression, beeinträchtigte Mutter-Kind-Bindung, Anpassungsstörungen (z.B. das 'Schreibaby'), Probleme beim Stillen bzw. früheres Abstillen sowie psychische Erkrankungen im Jugendalter.


Wegen all dieser Gründe und noch vielen mehr, ist für mich eine Hausgeburt nicht Mut, sondern Eigenverantwortung. Verantwortung dafür, wie meine Kinder geboren werden. Verantwortung für mich selbst, das Kind, den Prozess der Geburt und den bestmöglichen Start ins Leben, den ich meinem Kind bieten möchte. Die erste große Verantwortung, die man als Mama für sein Kind übernimmt und die ich nicht einfach an andere abgeben will.
 

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